Die Raummaschine

Die BILD der Netzgemeinde

| Comments

Deutschlands Rant-Blogger Nummer eins, die polemische Volksfront des Chaos Computer Clubs, ist vom eigenen Erfolg offensichtlich endgültig überwältigt worden: Felix von Leitner, besser bekannt als Fefe. Es fing irgendwann mit T-Shirts an. “Was täte Fefe”, der Weise. Zuletzt hielten Plakate auf den Anti-ACTADemonstrationen seinen Namen hoch: “Seht her, wir sind Fefes Block!”, rufen sie. Fefe freut sich. Er hat jetzt einen aktiven Arm. Fefe mobilisiert. Wir sind Fefe! Aber was tut Fefe mit diesem Einfluss? Er fängt einen Feldzug gegen die Piratenpartei an.

Was war passiert? Fefe hat in seinem Blog die Piratenpartei dazu aufgerufen, Kabarettist Georg Schramm als Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl vorzuschlagen. Die Idee ist nicht völlig neu, Schramm selbst hat sich in einem Fernsehauftritt ins Gespräch gebracht. Seit Beginn der Wulff-Affäre im Dezember 2011 gab’s dazu ein Meinungsbild im Liquid Feedback der Piraten, eine öffentliche Stellungnahme hingegen gab es von der Partei nicht. Als Wulff dann zurückgetreten ist, haben Union, FDP, Grüne und SPD sich schnell auf Joachim Gauck geeinigt, der damit praktisch schon gewählt ist. Wie reagiert Fefe?

Ich hoffe, das ist euch jetzt wenigstens ordentlich unangenehm. Ihr Verlierer.

Die Piratenpartei hat aus seiner Sicht versagt. Hätte Schramm Chancen gehabt?

Wisst ihr, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre? Ich weiß das zufällig noch. am 17. Februar vormittags.

Und verlinkt auf seinen eigenen Blogpost. Er hat es gewusst. Hättet ihr mal auf Fefe gehört. Dabei gibt es verschiedene Gründe nicht voreilig Schramm zu nominieren. Dass sein Wunschkandidat beispielsweise scheinbar tendenziell ein Verschwörungstheoretiker ist, macht Fefe gar nichts aus.

Die doofen Fragen zu 9/11 und Chemtrails am Ende [eines vorher verlinkten Interviews] sind nur 2-3 Minuten, die müsst ihr halt ignorieren, wenn ihr bei sowas empfindlich seid

Warum auch, er hat ja selbst ein Verschwörungsblog. Dass andere vielleicht nicht ohne kurze Bedenkzeit so jemanden als Kandidaten vorschlagen möchten, liegt allerdings fern. Seid mal nicht so empfindlich! Stumpf spielt er Schramms Aussagen herunter, wirft “kritischen” Zuschauern vor zu übertreiben und nennt die Fragen statt der Antworten doof. Es geht nämlich eh nicht um einen echten Gegenkandidaten:

Liebe Piraten, es geht hier nicht um Schramm oder das Amt oder wer es tatsächlich kriegt. Es spielt keine Rolle, ob Schramm schon ja gesagt hat oder sich Bedenkzeit erbeten hat. Es gab da eine kurze Chance, die Diskussion zu lenken.

Um seinen Unmut über das Versagen der Piratenpartei bei der Erfüllung seiner Wünsche noch zu unterstreichen versucht er scheinbar irgendwie persönlich zu werden und greift die Achillesferse aller Netzpiraten an: Twitter!

Tatsächlich benutzt ihr Twitter nur zum sinnlosen Rumfurzen, nicht zum Kommunizieren. Könnte man auch morgen zumachen und keine Facette eurer politischen Arbeit wäre eingeschränkt.

Klischeealbträume aus der Filterbubble von jemandem, der das Web aussitzt.

Weil seine Kritik an den Piraten allerdings größtenteils abperlt, holt er eine weitere Keule raus: die ACTA-Demos haben die Piraten jetzt auch verkackt. Aus seiner Filterbubble lästert er bequem:

Ja, die Piraten haben ACTA-Demos organisiert. Fragt mal eure Großeltern, wie das bei denen ankam. Hint: “die Chaoten aus dem Internet”.

Die Chaoten aus dem Internet. Die komische Schilder mit merkwürdigen Namen hochhalten.

Schon seit längerem stören mich die Methoden, die Fefe in seinem Blog benutzt. Oft wird Fefe mit der BILD verglichen und “Bildzeitung für Nerds” genannt. Das ist eine fürchterliche Verniedlichung von dem, was die BILD macht. Der Titel “Bildzeitung” wird aus irgendeinem absolut nicht verständlichen Grund als Lob benutzt. Allerdings passt der Vergleich andererseits: Fefe’s Blog ist eine genau so manipulative Publikation wie die BILD. Die Zielgruppe mag kleiner sein, aber ist durch ihre Vernetzung effektiv um Themen zu verbreiten. Innerhalb der klassischen “Netzgemeinde” kann Fefe Diskussionen auslösen. Fefe hat Einfluss, und er weiß das. Am deutlichsten ist das an seiner immer lauter werdenden Kritik an der Piratenpartei zu bemerken. Sie wird deshalb immer deutlicher, weil seine Versuche, der Partei seine Richtung (im Endeffekt vermutlich Frank Riegers Richtung, aber darüber muss jemand anders bloggen) vorzugeben, nicht funktionieren.

Die Piratenpartei tut das allerdings nicht. And that’s where things got ugly: Fefe ist persönlich gekränkt. Wie ein beleidigtes Kind schlägt er immer wilder um sich und bewirft die Piratenpartei mit Schmutz wie die BILD noch im Dezember Christian Wulff. Und wer jetzt sagt das könne mensch nicht miteinander vergleichen, denn die BILD sei ja viel größer, dann schaut euch doch um, in welchem Umfeld die Piratenpartei entstand: aus der Hacker-, Nerd- und Netzpolitik-Szene - Fefes Zielgruppe. Das ist inzwischen nicht mehr so, denn die Partei ist weitaus unabhängiger von ihren netzpolitischen Anfängen als in den Medien oft der Eindruck erweckt wird.

Dann werdet ihr mir dankbar sein, wenn ihr euch das jetzt verkneift.

Ich lese das jetzt einfach mal so: Erpressung mit angedrohter negativer Berichterstattung in einem für die Kernwählerschaft relevanten Medium. Das geforderte Lösegeld: „Folgt meinem Befehl!“. Jetzt werden wieder halbkritische Leser seines Blogs sagen, dass ich übertreibe. Aber stellt euch vor, Fefes letzen Blogeinträge wären von Kai Diekmann auf den Anrufbeantworter von Christian Wulff gesprochen worden. Fefe schreibt seinen politischen Erfüllungsgehilfen das offen, was die Redaktion der BILD so nur intern sagen würde. Wie bekomme wir unseren Punkt durch, wie drängen wir Entscheidungsträger in unsere Richtung, wie manipulieren wir die Öffentlichkeit? Fefe macht es, möglicherweise aus Naivität, möglicherweise auch aus Wissen um die sehr genau abgegrenzte Zielgruppe seines Blogs, einfach öffentlich.

Seine Rufe verhallen. Wie reagiert Fefe auf diejenigen, denen er Unfähigkeit zur Selbstkritik vorwirft? Mit seinem eigenen unreflektierten Rumgepampe, in dem der Größenwahn, den ich ihm vorwerfe, offensichtlich wird:

Oh und ich will auch kein “hättest du doch gleich gesagt, dass wir nicht gleich nominieren müssen sondern ein Tweet schon gereicht hätte”. Liebe Piraten, ich bin nicht euer Kindermädchen. Von mir gibt es gelegentlich mal einen freundlichen Hinweis, aber keine Todo-Liste mit konkreten Anweisungen zum hirnlosen abarbeiten. Das Ziel ist, dass ihr das irgendwann ohne fremde Hilfe könnt, nicht dass ihr jetzt konkret das tut, was ich euch sage.

Als hätte ihn jemand nach seiner Meinung gefragt, als wäre sein Vorschlag Schramm zu nominieren ein Erfolgsgarant gewesen. Inzwischen hat er aber scheinbar selbst aufgegeben, die Piratenpartei als Partei seiner politischen Meinung zu sehen und arbeitet aktiv an ihrem Abgesang. Fefe erklärt der Piratenpartei den Krieg und sucht jetzt nach weiteren Kritikpunkten:

Ich fragte mich vorhin, was eigentlich der dritte Strike ist, den die Piraten mal so richtig doll verkacken könnten.

Fefe weiß zu manipulieren, aber er weiß nicht was er tut. Er lebt in einer engen Filterblase mit seinem übersteigerten Selbstbild, in dem er sich zum Meinungsführer der gesamten “Netzgemeinde” erhebt, angestachelt von seinem Kultstatus. Dennoch verhält er sich infantil, ist persönlich beleidigt wenn Leute nicht auf ihn hören, trampelt und zetert, glaubt teilweise so sehr selbst an die Wirkkraft seiner Kommentare, wenn er es scheinbar für realistisch hält hält, dass Schramm tatsächlich Präsident werden könne und nörgelt wie ein Heise-Troll allererster Güte an allen Fakten vorbei.

Viele lästern über die BILD und Springer, die manipulativen Medien und die unter der Regie von strippenziehenden Boulevardzeitungen stehenden Politikern, aber selbst sind wir so naiv und lesen Fefe’s Blog, und sagen uns immer wieder, dass wir seine Polemik erkennen. Dass wir seine Falschinformationen richtig interpretieren. Dass die Kommentare ja absichtlich überspitzt sind und seine Lügen ja nicht böse gemeint sind, sondern zur Medienkompetenz der Leser beitragen. Das ist, mit Verlaub, Bullshit! Fefe ist alles was wir an der BILD verachtenswert finden und er benutzt den Einfluss, den wir ihm über Jahre als Leserschaft gegeben haben jetzt willkürlich. Ich habe aufgehört Fefes Blog zu lesen, ich habe aufgehört mir einzureden, dass die Links ja immerhin gut sind.

Ich habe keine Ahnung wie von Leitner privat tickt, ob er wirklich das beabsichtigt was ich mir hier heraufschwadroniere… aber bei seinen Blogposts muss ich das unterstellen. Wer Fefe zur Unterhaltung liest, darf niemals jemandem vorwerfen, die BILD zur Unterhaltung zu lesen. Und mit der BILD halte ich es wie Max Goldt.

Comments