Triggerwarnung: In dem Text geht es um sexistische, objektifizierende Werbung. Es ist ein Bild der Anzeige verlinkt, die Auslöser für diesen Text war und es werden einige der Kommantere als Beispiele aufgeführt.
Das Musikhaus Thomann dürfte vor allem mit seinem “Cyberstore” jedem Freund von Instrumenten und Audioequipment bekannt sein: gute Preise, kompetente Beratung, schneller Service. An Thomann gibt es praktisch gar nichts zu bemängeln… bis ich heute auf ihrer Facebook-Seite (deren “Fan” ich bis dahin war) über ein Bild aus einem Werbeplakat-Wettbewerb unter dem Motto “Play it. Feel it.” gestolpert bin und meine Kinnlade praktisch Zeitgleich auf die Tischplatte fiel.
Es geht um dieses Bild (Warnung). Ich würde mich selbst als einen ziemlichen Feminismus-Noob bezeichnen. Ich befasse mich seit etwas über einem halben Jahr intensiver mit der Thematik, weshalb ich oft unsicher bin wann Kritik angebracht ist, wann etwas sexistisch ist und wie darauf zu reagieren ist. Bei diesem Bild war der Rage in mir allerdings praktisch sofort geweckt. Ein Unternehmen, das ich sonst wertschätze, legt hier locker-flockig so ein Bild in seine Timeline. Der Mann spielt Klavier, und das offensichtlich sehr gut. Die Frau ist, nun ja, im Grunde völlig auf ihre Vagina reduziert. Dazu der Slogan “Play it. Feel it.” Ich lasse mir an der Stelle unterstellen das bösartig falsch zu interpretieren, aber für mich sieht das verdammt nach sexueller Objektifizierung der Frau aus:
Objektifizierung steht entgegen der Wahrnehmung anderer als Individuen mit komplexen Persönlichkeiten und eigenen Wünschen und Plänen. Dies geschieht, besonders in Bezug auf Frauen, indem nur über ihren Körper oder Teile ihres Körpers gedacht oder gesprochen wird.
Der Slogan “Play it” unterstreicht das: Da ist das Bild des Pianisten, der sein Instrument spielt. Da ist das Bild des Pianisten, der in seinem Wagen Sex hat. “Die Frau” auf dem Bild ist Schenkel. Sie ist eine Vagina. Sie ist kein Individuum. Kein Mensch. Nicht ebenbürtig, nicht einmal annähernd. Im Kontext des Slogans und des gezeigten wird die weibliche Darstellung zum Objekt. Sie ist ein Instrument, das er spielt, das er beherrscht wie sein Klavier. Sie ist ein Objekt in der Kontrolle des Musikers. Er ist auf beiden Bildhälften vollständig zu sehen, sie teilt sich ihre Bildhälfte mit dem anderen bespielten Objekt, dem Klavier.
Diese Objektifizierung ist wiederum ein bestandteil eines weiteren ernsten, gesellschaftlichen Problems, nämlich der so genannten ”Rape Culture”, die auch in das Mem-artige Klischee des Groupies passt, auf das im Kontext eines offensichtlich erfolgreichen Musikers ebenfalls angespielt wird:
In einer rape culture sagt man Frauen*, was sie tun sollen, um “nicht vergewaltigt zu werden” statt Vergewaltiger_innen zu sagen, dass sie nicht vergewaltigen sollen.
Das ganze ist kein Einzelfall, sondern ein ziemlich strukturelles Problem in der ganzen (männlichen, weißen Rock-)Musikszene. Auch die sonstigen Kommentare die Thomanns Facebook-Team postet sind gern mal derbe Machosprüche und auf Fotos posieren begeisterte Kunden betont männlich mit ihrem neu erworbenen Equipment. (Eines der vorheringen Motive aus dem Play-Feel-Wettbewerb zeigte auch einen männlichen Metal-Gitarristen/Krokodilstöter). Dieses Männlichkeitsbild hängt gerade der Rockmusik nach, und es wird auch, zumindest von gewissen Kreisen, noch immer gepflegt als sei es etwas anderes als fürchterlich überholt. Genau auf diese Zielgruppe scheint mir die Werbung zugeschnitten zu sein, was sich in den Kommentaren niederschlägt, die das fragwürdige Bild im Niveau noch um ein vielfaches unterbieten und mich in meiner Behauptung, das Bild würde Frauen objektifizieren, unterstützen:
Des Bild passt doch zu Thomann BILLIG aber GEIL!!!!!!!!!!!
Was spielt denn die Frau für ein Instrument?
Ich brauch dringend Klavierunterricht….
Die Witze wiederholen sich: wenn ich ein Instrument spiele bekomme ich Sex, irgendwelche Flöten-Witze kamen auch noch vor, Groupies, Fame und so weiter. Mensch kennt das ja. Allerdings war ich sehr positiv überrascht auch mehrmals den Vorwurf der sexistischen Kackscheiße zu lesen, dies allerdings deutlich in der Unterzahl. Die Vorwürfe des Sexismus werden hingegen schnellstmöglich mit den allesamt vorher schon mal irgendwo gelesenen Begründungen und Herabwürdigungen der Kritiker abgewiegelt:
verklemmten, frustrierten “NichtmehrbeiThomannbesteller”
das hat nichts mit billig, noch mit Sexismus zu tun. Was ist daran Frauen feindlich? Der Mann ist genau so daran beteiligt
Hauptsache ihr behaltet die Werbung im Kopf. Top Marketing !
du hast das Plakat leider nicht verstanden.
Also wenn hier von Kritikern dazu aufgerufen wird, “Spruch und Bild in Kontext” zu setzen, dann bitte auch richtig.
Alles Mimimi, alles humorlos, alles verspießert und garnichts verstanden. Haben doch beide Spaß, das kann kein Sexismus sein. Beleidigung der Kritiker. Natürlich interpretieren nur “wir™” das Plakat falsch, und bla und bla und bla. Der übliche Reflex von Kommentatoren, denen der als sexistisch kritisierten Inhalt gefällt: sie versuchen die Diskussion zu entgleisen und die Vorwürfe abzuwehren ohne auch nur ansatzweise darauf einzugehen oder darüber nachzudenken. Andernfalls müsste mensch noch seinen eigenen Umgang mit Sexismus reflektieren.
Was die Kommentare noch viel deutlicher aufzeigen als das Werbeplakat an sich, ist die Selbstverständlichkeit mit der diese Art von Alltagssexismus in unserer Gesellschaft verankert ist. Auf einer Art selbstverständlich, dass sich niemand geniert sie unter seinem Klarnamen auf Facebook zu posten. Das alleine muss mensch einmal bedenken, um sich zu vergegenwärtigen, wie selbstverständlich diese Form von Sexismustoleranz in unserer Gesellschaft ist, dass das weniger schlimm zu sein scheint, als die Party-Fotos mit dem Bier in der Hand, vor denen gerne Angst gemacht wird.
Anders wäre diese Werbung wiederum nicht vorstellbar gewesen und würde es sie mit verkehrten Genderrollen geben wäre (da lege ich mal mein kleines Patschehändchen für ins Feuer) die Frau der erotische Fokus des Bildes. Schau sich doch einfach mal jemand einen Katalog für Audioequipment an: Bikinibabes posieren vor 12-Kanal-Mischpulten. Wäre das alles nicht so traurig würde ich fast über diese unglaubliche Absurdität lachen können.
Es ist dabei übrigens auch völlig unerheblich, ob das Bild von Thomann nun offizielle Werbung ist oder nicht. Thomann hat auf seiner offiziellen Facebook-Seite dieses Bild gepostet. Es hat die Kommentare eingeheimst, die streckenweise vor derbem Sexismus blühen. Hier gibt es kein “nicht so schlimm”. Sexistische Kackscheiße ist und bleibt unabhängig vom Kontext sexistische Kackscheiße und gehört völlig zu recht wieder mit Scheiße beworfen. Thomann wollte Feedback und es bekam das Feedback in Form von diversen Bekundungen von Leuten, die wie ich bisher treue Kunden waren und versicherten, zumindest bis zu einer klärenden Stellungnahme nicht mehr bei Thomann einzukaufen. Das Bild muss weg und eine Stellungnahme von oben™ her. Mit Humorlosigkeit allein ist das nicht getan und ich würde auch liebend gern weiter Musikinstrumente spielen, auch wenn einer der Kommentatoren Berufsempörern wie mir vorschlug, doch besser auf Schach zu wechseln, wenn mir der Stimmstock so tief im Arsch stecken würde.
Aber vielleicht gibt es bei Schachspielern ja wirklich weniger Selbstverständnis für Sexismus. If your product was any good, you wouldn’t need sexism to sell it.
1. Update: Gestern Nacht sind erst die Likes, anschließend einige Kommentare verschwunden und später wieder aufgetaucht. Heute ist das Bild komplett von Thomanns Facebook-Seite verschwunden. Stattdessen steht dort ein kuzer Kommentar, der eher danach klingt, als hätte Facebook das Bild aufgrund von Userbeschwerden und/oder Porncontent gelöscht (Facebook ist da ja sehr empfindlich, vergleiche Schwanzhund). Nach Einsicht klingt das “leider” nicht, aber immerhin werden weitere Infos versprochen.
2. Update: In einem weiteren Post ließ Thomanns Social Media-Team inzwischen verlauten, dass (wie ich erwartet hatte) Facebook das Bild gelöscht hat und nicht Thomann selbst. Der Mitarbeiter, der das Bild einstellte wurde außerdem mit einer 24-stündigen Account-Sperre belegt. Thomann bedauert scheinbar die Löschung des Bildes, Einsicht scheint also nicht vorhanden zu sein. Ein offizielles Statement steht weiter aus.
3. Update: Die Social-Media-Spezialexperten von Thomann haben gerade noch einmal auf Facebook gepostet, und zwar eine Liste der Namen der Models (die allesamt Thomann-Mitarbeiter sind). Ihr dürft jetzt dreimal raten wessen Name nicht aufgeführt ist… oh, ja, zufällig der des absolut nicht objektifizierten weiblichen Unterkörpers. Erwähnt wird dafür der gesperrte User “shultzie”, der bei einem der Motive als vage erkennbarer Schatten im Hintergrund steht. Außerdem wurde die Galerie mit allen 6 Motiven gerade noch einmal ohne weiteren Kommentar auf Thomanns Twitter-Account gepostet. Das dürfte soweit erst einmal genug Statement von Thomann sein.
4. Update: Ich habe am 13.6. eine Email an den Geschäftsführer Hans Thomann geschick, mit der Bitte um eine Stellungnahme. Die Antworten von Ihm und dem Chef des Marketings habe ich in einem weiteren Eintrag veröffentlicht.
5. Update: Thomann meint: Give Peace A Chance. Ich überlasse euch was ihr daraus macht.
Nachtrag: Anatol Stefanowitsch hat im Sprachlog darüber geschrieben (squee), wo das Problem an Thomanns Antworten auf die Vorwürfe liegt:
Das ernsthafte Problem beginnt dort, wo Thomann nicht einmal den Versuch unternimmt, den Sexismus der Kampagne zu reflektieren.
Die Raummaschine