Die Raummaschine

Du machst da was falsch

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Ich hatte heute mal wieder eine dieser kleinen Diskussionen, wie sie auf Twitter an allen Ecken und Enden aufblühen. Ein Tweet, dessen Aussage ich problematisch fand, entzündete so ein kurzes, aber emotionales Streitgespräch. Ich mag das ja tatsächlich an Twitter. Es ging um einen Tweet zu unbefriedigenden Arbeitsstellen. Das vermittelte “du machst was falsch” ist aber ein Abwälzen der alleinigen Veranwortung für ein Problem. Ebenso wie das mittlerweile zum Mem gewordene, absurde Statement von Steve Jobs, die Empfangsprobleme des iPhone lägen darin begründet, dass die Nutzer es falsch halten würden.

Ich folge dem @Bediko schon eine Weile und abgesehen davon, dass sein animierter Pony-Avatar mich manchmal in den Wahnsinn treibt, auch gerne. Ich muss jetzt aber trotzdem einmal mit dem Flausch brechen und meine Kritik an einem Tweet ausführen, da ich sie als stellvertretend für eine verbreitete Meinung auffasse. No offense intended.

Wenn eure Arbeit nicht als bezahlte Freizeit wahrnehmbar ist, macht ihr übrigens was falsch.

Die meisten Menschen in einem klassischen Arbeitnehmerverhältnis machen also etwas falsch, weil sie ihre Arbeit nicht ebenso lieben wie ihre Freizeit. Kaufmännische Büroangestellte in der Finanzbuchhaltung, hart arbeitende Krankenpfleger*innen im Altersheim, Postboten, die uns die kleinen und großen Päckchen an die Haustür tragen, die wir bei Amazon bestellt haben. All diese Menschen machen in ihrem Leben etwas grundlegend falsch, so sie denn ihren Beruf nicht als Inbegriff ihrer persönlichen Selbstverwirklichung wahrnehmen. All jene schlecht bezahlten Jobs mit hohem Belastungsvolumen und ohne Kekse, werden ausgeübt, damit am Anfang des Monats der Abstand zur Dispo-Grenze wieder etwas größer wird. Sie arbeiten für Geld, ohne das ein Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft nun mal nicht ohne Weiteres möglich ist.

Bezahlung sehe ich als irrelevant an.

Doch, ist es. Miete, Strom, Essen, Kommunikation in Form von Internet und Telefonie, Mobilität in Form von Bahn- und Bustickets. Das ist alles kein Luxus - außer für die unsichtbaren Armen in unserer Gesellschaft. Das sind elementare Grundlagen des Lebens und der gesellschaftlichen Teilhabe. Und dafür braucht mensch Geld. Vielleicht nicht mehr als, sagen wir 1.500€ im Monat, aber doch: Bezahlung ist relevant. Unbezahlte Arbeit ist ein völlig anderes Kapitel und Thema, wir sprechen von klassischer Lohnarbeit.

Die Freude an dem was ich tue alleine bezahlt meine Rechnungen aber nicht. Und wo sind sie, die zig Millionen ausreichend oder angemessen bezahlter Traumjobs? Diese Illusion, die da zugrunde liegt ist die, dass es für jede*n die Möglichkeit gäbe, ein ideales, erfüllendes Leben führen zu können; so etwas wie den amerikanischen Traum. Aber die Ressourcen dafür sind schlicht nicht da. Es gibt nicht genug Jobs, Studienplätze, Möglichkeiten. Das ist so auch gar nicht vorgesehen in dieser Gesellschaft. Aber diese kapitalistische Illusion von der Selbstverwirklichung in der Lohnarbeit gibt die Schuld an weniger idealen Lebenslagen an die Betroffenen ab, an die Unzufriedenen. Änder doch einfach was! Geld ist doch nicht so wichtig! Sei einfach glücklich! Das wird schon, du musst es nur wollen! Auch wenn das so nicht da steht, so ist es doch der Kern all dieser Aussagen. Und so eine Aussage muss mensch sich erst einmal erlauben können. Ganz offensichtlich entsteht soetwas aus einer privilegierten Stellung heraus: Finanzielle Sicherheiten, Hobby zum Beruf, Sicherheiten, Polster.

Aber warum rege ich mich aus meiner ebenfalls privilegierten Position heraus überhaupt auf? Ich habe einen okayen Job. Ich würde ihn nicht “Traumjob” nennen, aber ich gehe ohne Schmerzen zur Arbeit und habe nette Kollegen. Ich habe keinen sonderliche weiten Arbeitsweg (Mobilitätsauslagen). Ich bekomme ein Gehalt, von dem ich mir ein mittleres Maß an “Luxus” leisten kann. Luxus wie Mobilität durch BahnCard und Zugtickets. Eine hübsche, kleine Wohnung. Die Möglichkeit, ab und zu ein Konzert zu besuchen, und so weiter.

Das Mantra davon, alles erreichen zu können, was wir nur wollen, allein dadurch, dass wir es wollen, ist tief in unseren Köpfen verankert. Gleichzeitig gibt es gar keine entsprechenden Ressourcen. Die Mär vom Streben und dem ensprechenden, gerechten Lohn. Wir haben den Kapitalismus irgendwann umbenannt und ihn mit dem Label “soziale Marktwirtschaft” euphemisiert. Das Prinzip ist jedoch nach wie vor das Selbe. Gedanklich stecken wir noch immer in dieser Mühle der totalen Eigenverantwortung und jede*r ist sich selbst die*der Nächste.

Langzeitarbeitslos? Such dir doch einen Job. Wenn du an deinem Job keinen Spaß hast, ihn sogar hasst, kannst du ja kündigen und dir einen anderen suchen. So weit die Theorie. Aber kündigt eins selbst, zahlt die Arbeitsagentur zunächst gar kein Geld aus. Sogar mein Recht, einen unbefriedigenden, eventuell sogar psychisch hochgradig belastenden Job abzubrechen fußt auf Geld. Ohne Rücklagen kann ich mir einen solchen Schritt schlicht nicht erlauben.

Aber eins kann sich ja einen neuen Job suchen und erst dann kündigen. Gäbe es keine Kündigungsfristen. Und wenn der neue Arbeitsplatz weit weg ist, muss noch ein Umzug organisiert und finanziert werden. Von dem Geld und der Zeit und den Nerven, die der missliebige Job und der lästige Alltag noch übrig lassen. Oder wenn der Traumjob ein Studium vorraussetzt oder sogar das Studium an sich ist? Naja, das hängt dann davon, ob du entsprechend bildungsprivilegiert, irgendwie Bafög berechtigt oder von deiner Familie subventioniert wirst. Oder von deinem eisernen Willen, drei Nebenjobs auszufüllen und vier Jahre lang nur Tütensuppen zu fressen. Das alles betrifft dann das mit der Eigenverantwortung. Schließlich musst du dir noch anhören, dass du etwas falsch machst. Es ist deine Schuld, dein Fehler, du kannst etwas ändern. Es hindert dich doch niemand daran glücklich zu sein!

Hilfe anzunehmen und Schwäche einzugestehen ist verpönt und so trauen viele es sich nicht und es wird zum Tabu. Über Menschen, die bei der Arbeitsagentur und in den Jobcentern sitzen, werden abwertende “Unterschichten”-Witzchen gemacht. Auf RTL dürfen wir uns am Elend fremder Leute laben, das so aufbereitet ist, dass diese Menschen scheinbar maximal faul, unfähig und - na klar - selbst schuld sind. Alternativ beäugen wir mitleidig aus der Ferne. Wir werfen finanziell Schwachen einerseits vor, sie seien selbst verantwortlich für ihre Situation, sagen ihnen dann aber, vermeintlich Mut machend, dass sie es selbst schaffen können! Wir legen ihnen wo es nur geht Steine in den Weg und merken nicht, dass all dieses Überhebliche, Wertende und Beratschlagende weitere Demütigung ist.

Wer unreflektiert weiter die Illusion von der rein willensabhängigen Selbstverwirklichung am Leben hält, verkennt, dass die Sicherheiten die dafür nötig wären, seien sie finanzieller oder sonstiger Art, ein Privileg sind.

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