Es ist passiert, Tim Pritlove hat die 196. Folge seines Erklärbär-Podcasts CRE dem Thema Feminismus gewidmet. Zusammen mit Katrin Rönicke, auch bekannt als DieKadda, entstand dabei die längste Folge des Formats und schlägt sogar noch die beachtlichen 3:13 Stunden der Folge über Bier um ein paar Minuten. Trotz der anfänglichen freudigen Überraschung, dass sich einer der populärsten deutschen Podcasts diesem Thema annimmt, ist das Fazit, das ich persönlich ziehe, enttäuschend.
Die Vorzeichen waren gut: CRE, früher bekannt als “Chaosradio Express”, hat zu Recht den Ruf, ein Bildungspodcast zu sein. Pritlove begrüßt fachkundige Gäste, um sich in der Rolle des interessiert Nachfragenden etwas erklären zu lassen. So entstehen meistens umfassende Einblicke in Themengebiete, mit denen der/die Hörer/in sich vorher womöglich nie beschäftigt hätte.
Die Sendung beginnt, und bleibt auch eine ganze Weile, bei einem weiten historischen Ausholen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Anfänge der Frauenbewegung. Etwas das mir sehr bald auffiel war das Fehlen diverser Wörter, die in feministischen Kreisen ständig vorkommen. Sämtliche englisch geprägten Wörter die gesellschaftliche Phänomene beschreiben etwa, aber auch Wörter wie “Sexismus” spielen kaum eine Rolle. Was angesichts der, ich mutmaße da jetzt einfach mal wild, überwiegend weißen, männlichen Hörerschaft des Podcasts interessant ist, ist das vollständige Fehlen von Begriffen und Konzepten wie ”Privileg” und ”Patriachat”.
Oder um es anders zu sagen: wohl der Hörerschaft geschuldet. Die Sendung macht eine brave Feminismus-Einleitung für Männer, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen, ohne auch nur das kleinste bisschen Selbstreflexion üben zu müssen. Es wird immer davon geredet, dass “man” die Frauen schlecht behandelte, oder dass “die Gesellschaft” ein gewisses Frauenbild prägte. Es entsteht der Eindruck, der Feminismus und die Frauenbewegung, da würde es einfach nur um ein paar Rechte gehen, die die Frauen auch gerne hätten, und dass alles hindernde und störende von einer Meta-Entität ausgeübt wird. Dieser Eindruck wird durch das quasi vollständige Fehlen jeder direkten Erwähnung von (irgendeiner Form von) Gewalt verstärkt. Und als es dann eine ganze Weile um Steampunk-Dildos geht, ist das zwar auch alles “ganz schlimm”, aber es darf trotzdem noch gelacht werden.
Drei Stunden lang wird über die Rolle der Frau in der Gesellschaft geredet, ohne zu betonen, dass es eine männlich dominierte Gesellschaft ist, die der Frau diese Rolle zuwies. Drei Stunden lang wird sprachlich wie auch inhaltlich sehr gut kaschiert, dass der Mann(tm) es ist, der die Frau in diese Rolle drängt, unterdrückt und Gewalt in diversen Formen ausübt. Drei Stunden lässt sich ein weißer Mann Feminismus erklären, ohne ein einziges mal in die Situation zu kommen, Selbstkritisch über seine Rolle in diesem gesellschaftlichen Konstrukt nachdenken zu müssen. Ebenso wie die gesamte Hörerschaft. Flauschfeminismus mit Wohlfühlgarantie, Selbstreflexion not included.
Das alles kann vielleicht, wenn eins es so sehen möchte, mit dem Sendungskonzept eines neutralen Erklärpodcasts begründen. Ich sehe es offensichtlich kritischer und halte diesen Ansatz für falsch, denn es wird meiner Meinung nach ein völlig verwaschenes und falsches Bild von den Problemen geliefert, gegen die der Feminismus kämpft. Das mag aus dem Mund (oder eher den tippenden Fingern) eines weißen Mannes wiederum merkwürdig klingen, aber um sich als Mann mit dem Thema zu befassen ist ein Wachrütteln unerlässlich notwendig: warum sonst sollte ich mich denn mit dem Thema befassen?
Auf Rönicke Ansichten zu den Begriffen Kackscheiße und Triggerwarnungen werde ich nicht ausführlicher eingehen, da kann eins dieser oder jener Meinung sein. Ich teile ihre Ansichten nicht. Ich finde den kämpferischen Begriff “Kackscheiße” in den meisten Fällen sehr angemessen, gerade hinsichtlich der Ignoranz mit der lange Erklärbärtexte zu der Problematik sexistischer Inhalten zerlegt und abgetan werden. Das wäre jetzt der Startpunkt einer ewigen Kreisdiskussion, ein Henne-Ei-Problem: ist der direktere Ansatz angebracht, weil das Erklären scheitert oder scheitert das Erklären, weil das Problem direkt benannt wurde?
Den Satz zu den Triggerwarnungen, dass sie diese als “Abwertung” eines verlinkten Inhalts auffasst finde ich nicht nachvollziehbar. Ich persönlich sehe das Benutzen von Triggerwarnungen als völlig freiwillig an. Wer es nicht tun möchte, soll es eben sein lassen. Aber sich über Triggerwarnungen zu echauffieren finde ich rücksichtslos, denn an wem ist es zu beurteilen, was für wen in welchem Maße triggernd ist? Das tut jeder Betroffene selbst für sich und niemand anders. Aber auch diese Diskussion ist eher einen eigenen Blogpost wert.
Wirklich unangenehm ist dann jedoch der letzte Teil des Podcasts. Die Männer würden ja auch unter den ihnen zugewiesenen Rollenbildern leiden und auch für sie sei noch viel zu holen. Dieser ”what about the men“-Teil gipfelt darin, dass Rönicke erwähnt, dass in Actionfilmen viel mehr Männer sterben würden als Frauen. Nachdem ich meine Krokodilstränen getrocknet hatte dachte ich noch einmal über die möglichen Ursachen für diesen gemeinsen Sexismus gegen Männer nach. Oder ist es vielleicht “positiver Sexismus” gegen Frauen? Oder gibt es einfach in Filmen gar nicht so viele Frauen die umgebracht werden könnten?
Und da ist dann wirklich das Problem. CRE hat einen guten Ruf und dieser CRE zum Feminismus ist damit wohl jetzt eine Quelle, und zwar eine durch den Ruf des Podcats durchaus legitime. Eine Quelle zum Thema Feminismus, die unter einer dicken Decke von Flausch und Wir-haben-uns-alle-Lieb-und-wollen-alle-das-Gleiche Männern ziemlich um den Bart geht und dabei falsche Dinge verbreitet. Aber vielleicht, und das hoffe ich natürlich, irre ich mich auch und der Podcast erreicht genau die richtigen Hörer und bringt einige Männer(tm) dazu, sich eingehender mit Feminismus auseinanderzusetzen. Und nicht nur solche, die glauben, dass es dort in erster Linie für sie selbst etwas zu erreichen gäbe.
Die Raummaschine