Die Raummaschine

Lieber Luftschlösser

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“Liebesschlösser” sind ein Phänomen, das sich in letzter Zeit auch hierzulande an immer mehr Brücken- oder ähnlichen Geländern verbreitet. Pärchen befestigen als Zeichen ihrer Liebe ein Vorgängeschloss am Geländer, manchmal mit aufgeschriebenen Namen. Kürzlich ging das Foto eines Graffitis durch die Blogopshäre, das den Sinn der Schlösser hinterfragt: “Was ist das für eine Gesellschaft, in der das Symbol für Liebe ein Vorhängeschloss ist?”

Die Liebesschlösser sollen ein Zeichen für die Zuneigung zwischen einer nicht weiter bestimmten Anzahl von Menschen sein, aber wir können davon ausgehen (dafür muss eins sich nur einmal eine Reihe dieser Schlösser anschauen), dass es so gut wie immer zwei Menschen sind und einer davon männlich und die andere weiblich ist, es sich also um eine heterosexuelle, romantische Zweierbeziehung handelt. Der Begriff romantischer Zweierbeziehung (RZB) ist dabei nicht unwichtig, denn er grenzt diese klassischer Beziehung, in der sich zwei Menschen (egal welchen Geschlechts) lieben, vom allgemeinen Begriff der “Beziehung” ab, der in der Regel gleichbedeutend mit dem der RZB verwendet wird. Die RZB ist aber bei weitem nicht die einzige (oder überlegene oder verbreitetste oder oder oder) Form der Beziehung zwischen Menschen, obwohl sie diesen Begriff sprachlich für sich vereinnahmt, weil sie die sichtbarste ist.

Liebesschlösser sind ähnlich wie in Bäume geritzte Herzen oder der Valentinstag ein mit kitschiger (was nicht wertend gemeint ist, ich mag Kitsch mitunter sehr) Symbolik angereichertes Abfeiern des Standard-Beziehungsmodells. Auch wenn natürlich immer wieder das Gegenteil versichert werden mag, die Hetero-RBZ ist der Normalzustand und alle noch so tolerierten Sexualitäts- und Beziehungsformen sind eine Abweichung von ihr. Das ist einer der Gründe, aus dem die Liebesschlösser kritisch zu sehen sind: sie okkupieren den öffentlichen Raum, der für alle da ist, mit einem Symbol der ohnehin schon als Norm geltenden Beziehungsform und verstärken damit weiter den Zustand, dass es so eine angebliche Norm überhaupt gibt. So dominiert dieses Beziehungsmodell auch den öffentlichen Raum.

Aus der gesellschaftlich besseren Stellung der Hetero-RZB ergeben sich diverse Privilegien, rechtlich z.B. durch die Ehe verankert. Dass Facebook inzwischen als Icon bei einer Beziehung nicht mehr immer eine Frau und einen Mann zeigt, sondern auch gleichgeschlechtliche Figuren, ist nicht selbstverständlich. Und auch weiterhin kennt Facebook nur die Zweierbeziehung. Von Menschen einmal völlig abgesehen, die gar keine (sexuelle) Beziehung wollen. Wir alle teilen uns einen öffentlichen Raum, aber er wird weiterhin dominiert von einer einzigen Form von Zuneigung, die wie selbstverständlich überall demonstriert wird, nicht nur an Brückenpfosten. Es geht bei der Kritik an den Liebesschlössern nicht um Kritik am individuellen Ausdruck der Zuneigung zweier Menschen, sondern um Kritik am unreflektierten Weiterverbreiten einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm, die andere Formen dabei in der Unsichtbarkeit hält. Das soll nicht bedeuten, dass sich Hetero-Pärchen in der Öffentlichkeit nicht mehr küssen dürfen, sondern sich zunächst einmal ihre Position bewusst machen sollten. Antiprodukt formuliert den möglichen Umgang damit:

Nun kann ich versuchen, mit diesen Privilegien möglichst “gut” umzugehen. Heißt: Mich solidarisch zeigen, indem ich meine Beziehung z.B. nicht öffentlich inszeniere, daran arbeiten aware gegenüber den Menschen zu sein, die sie nicht besitzen.

Das dem Ehering nicht unähnliche Symbol des Schlosses selbst bringt einiges an Bedeutung mit sich. Der weggeworfene Schlüssel soll ewig währende Liebe darstellen. Eine romantische Vorstellung, die leider noch immer nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist. Ich muss keine genauen Zahlen suchen um zu verdeutlichen, dass die Scheidungsrate ein anderes Bild zeichnet. Und das ist gut: eine Scheidung ist eine beendete Beziehung, die beendet wurde, weil sie von mindestens einem der beiden Partner in dieser Form nicht mehr gewollt wurde. So eine Beziehung zu beenden ist gut und das sollte bestärkt werden, statt es gesellschaftlich zu tabuisieren. So ist das Schloss ohne Schlüssel eben auch ein Symbol, das die Trennung ausschließt. Auf den ersten Blick mag es romantisch wirken und womöglich mit “Sicherheit” assoziiert werden, letztendlich ist es ein furchtbar schlechtes Symbol, das mehr negative als positive Assoziationen hervorruft, die allerdings zu selten reflektiert und kritisch gesehen werden.

Das alles ist keine Kritik an Pärchen die sich öffentlich küssen oder ein kleines Zeichen ihrer momentanen Zuneigung hinterlassen wollen. Aber sie bedenken nicht die Wirkung ihres Verhaltens und hier setzt meine Kritik an: die Liebesschlösser sind nur eins von vielen Beispielen, bei denen ein Verhaltensmuster adaptiert wird, ohne es nur im Ansatz kritisch zu hinterfragen. Selbstverständlich darf jede*r Zuneigung zu so vielen oder wenigen Menschen ausdrücken wie er*sie es möchte, oder auch nicht oder was auch immer. Nichts ist zu kitschig oder unkitschig, zu romantisch oder unromantisch. Aber wer so ein starkes Symbol in den öffentlichen Raum trägt sollte vorher einen Moment darüber nachdenken. Denn wir sind, völlig unabhängig von der Art wie wir zwischenmenschliche Beziehungen führen, nicht allein auf dieser Welt.

Anmerkung

Dieser Blogpost entstand hauptsächlich aus den Gedanken eines IRC-Gesprächsfadens, nachdem bei Twitter ein wenig über die Lovelocks hin und her diskutiert wurde. Alles was ich in diesem Post schrieb wurde schon an diversen anderen Posts besser analysiert und durchdacht. Ich wollte hiermit vor allem meine eigenen Gedanken ordnen. Für weiterführendes zu diesem Thema lest welche Gedanken sich antiprodukt zum Verhältnis von RZB und Feminismus macht, wie Mey die Symbolik des Schlosses mit einem Lockpicking-Workshop vorführt oder, wenn ihr keine Angst vor longreads habt, diese ausführliche Beleuchtung der romantischen Zweierbeziehung.

Nachtrag: Darum wie ich Lovelocks und Lovepicking finde geht es in diesem Post nicht. Trotzdem wurde dieser Punkt auf Twitter schon diskutiert. Ob Lockpicking oder Lovepicking jetzt Vandalismus, Respektlos, Streetart oder Remixculture ist, diese Gedanken wäre vielleicht noch mal einen eigenen Blogpost wert. Aber hier geht es darum nicht.

Bildquelle: melspicturestories auf Flickr (CC)

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