In der Tech- und Netz-Community rumort es. Twitter verändert sich mit einem zunehmenden Tempo und es herrscht eine selten erlebte Einigkeit, dass die Entwicklung nicht zum Guten ist. Auf der Open Mind Konferenz gab es Sonntag eine Barcamp-Session zu dem Thema, was nach Twitter kommen kann. Die Not scheint bereits so groß zu sein, dass die Abgesänge auf einen der zentralsten Dienste des aktuellen Web 2.0 beginnen.
Was war, ist oder sollte Twitter sein?
Die Meisten der Early Adopter nehmen Twitter noch immer als Plattform wahr. Eine Plattform mit minimaler Funktionalität, die durch eine offene API ein riesiges Ökosystem an kreativen Webdiensten, innovativer Clientssoftware und schier endlosen Möglichkeiten(tm) hervorgebracht hat. Twitter selbst war an seiner eigenen Entwicklung kaum beteiligt, stattdessen adaptierte es immer wieder das Verhalten seiner User. Das mittlerweile schon ikonische Erwähnen eines anderen Twitter-Users über ein @ vor seinem Namen ist ein Behelf gewesen. Nervige URL-Shortener hätten ohne Twitter wohl nie ihre massive Verbreitung erfahren. Und viele Nutzer*innen können sich inzwischen vermutlich schon gar nicht mehr an die Zeit vor nativen Retweets erinnern. Nur drei Beispiele, bei denen Twitter heute Innovationen einfach aus der Userbasis übernommen hat.
Twitter selbst machte lange den Eindruck selbst nicht so ganz genau zu wissen was es sein möchte und schränkte das Verhalten der Nutzer ausschließlich über das Limit von 140 Zeichen pro Nachricht ein. Und gerade dort lag der Reiz: Twitter hatte als Dienst etwas sehr offenes, simples und kreatives. Ein Dienst der sich auf schier unendlich viele Arten nutzen ließ, ob News-Verteiler zum Links schleudern, öffentlicher Multi-User-Chat im SMS-Stil, in halbsätzen formuliertes Stimmungs-Tagebuch oder Ausgabe-Möglichkeit für automatisierte Status-Pings von netzwerkverkabelten Kaffeemaschinen.
Wohin des Weges?
Diese Zeiten werden bald vorbei sein, denn Twitter hat nach langer Irrfahrt ein Konzept von dem was es zukünftig sein will entwickelt: ein Aggregator von Medieninhalten und das ziemlich exakt in dem Sinne, wie es in der Wikipedia beschrieben steht:
Ein Aggregator ist […] ein Dienstleister, der Medieninhalte […] wie z. B. Nachrichten, Musik, Filme oder Fotos sammelt und […] aufbereitet, ggf. kategorisiert und diese so für eine Zielgruppe neu zusammenstellt. Der Grundgedanke hinter der Aggregation von Inhalten ist häufig, dem Leser Zeit zu ersparen.
Der wichtigste Schritt in diese Richtung war die Einführung der Twitter Cards: sie ermöglichen das Einbetten von extern verlinkten Inhalten direkt in einem Tweet. Der erste Absatz eines Spiegel Online-Artikels, ein YouTube-Video, ein Soundcloud-Song. Alles direkt auf der Webseite eingebettet.

Was Twitter damit offenbar werden will ist der zentrale Anlaufpunkt für den schnellen News- und Medien-Konsum im Netz. Die Timeline rauscht vorbei, der Content rauscht so mit. Kurz einen Zeitungsartikel überfliegen, kurz ein YouTube-Video schauen, kurz einen Tweet von Lady Gaga lesen. Das alles streamt live und in Echtzeit an einem vorbei. Google Reader im Riesel-TV-Modus, ein Strom aus Inhalten, in den immer wieder kurz hineingelauscht werden kann. Die Erweiterung der schlichten Trending Topics-Liste zu einem eigenen Hauptmenüpunkt ”Discover” die wichtigen Themen kuratieren verdeutlichen diesen Schritt weg von der vernetzten Kommunikation auf Augenhöhe hin zu einem eigenständigen Medienportal.
Für die Early Adopter ist das irritierend. John Gruber beschrieb diese Veränderungen in der UI zum Release von “New Twitter” letztes Jahr:
The Twitter service this new UI presents is about a whole lot more — mass-market spoonfed “trending topics” and sponsored content. It’s trying to make Twitter work for people who don’t see the appeal of what Twitter was supposed to be.
Allerdings ist es keine Entwicklung mit der sie versucht neue Nutzer*innen zu erreichen, es ist erneut das Aufgreifen von Impulsen aus der Nutzerschaft selbst. Twitter zu nutzen heißt nicht zwangsläufig auch selbst zu posten: 40% der 100 Millionen User nutzen es passiv. Die meisten Follower haben die Timelines der Stars. Charlie Sheen, Justin Bieber, Katy Perry. Und diese Accounts sind nicht zwangsläufig intime Einblicke, sondern haben teils trockene Beschreibungen wie “The official Coldplay twitter page”. Viele Follower haben auch Seiten wie CNN oder die New York Times, Sport-Infos vom FC Barcelona oder der NBA. Twitter selbst betonte in einem Blogpost zur 100-Millionen-User-Marke vor allem die “großen” User:
Many US professional sports players are active on Twitter, including two-thirds of the NBA. […] Eighty-seven percent of Billboard’s Top 100 musicians of 2010 are active on Twitter, connecting with fans to engage their audiences. Each of the top 50 Nielsen-rated TV shows are represented on Twitter.
And that’s where it all went to hell…
Das Unternehmen finanzierte sich jahrelang über fleißig gesammeltes Risikokapital, so dass die Frage nach Twitters Profitabilität zu einem Witz wurde. Doch seit 2010 wird das gewählte Geschäftsmodell immer klarer: Werbung. Auch wenn immer wieder alternative Finanzierungsmodelle in den Raum geworfen wurden, beispielsweise ein Freemium-Ansatz wie ihn beispielsweise die Dating-Seite OkCupid benutzt. Stattdessen sollen aus der neuen und wachsenden Nutzer*innenschaft scheinbar ausschließlich über Werbung Umsätze generiert werden, und das auch im zunehmenden Maße erfolgreich.
Ein klares Geschäftsmodell ist grundsätzlich etwas, über das sich Nutzer*innen eines Webdienstes freuen sollten, schließlich ist so sein zukünftiges Überleben und damit die eigene Nutzung gesichert. Die Art wie Twitter Werbung schaltet stellt aber das erste von mehreren Problemen dar, die zu dem momentanen Unbehagen führen.
Die Werbung selbst wird nach einem missglückten Experiment mit der unrühmlichen ”Dickbar” nicht als Banner angezeigt - damals spürte Twitter tatsächlich die massive negaitve Reaktion der User*innen und ruderte zurück. Stattdessen werden die Werbekunden direkt in den normalen Inhalt eingeschoben: gesponsorte Tweets erscheinen gleichberechtigt in der Timeline, gesponsorte Follow-Empfehlungen erscheinen neben Menschen die mich vielleicht tatsächlich interessieren, gesponsorte Hashtags schieben sich zwischen die wirklich trendigen Themen. Alles lediglich durch ein kleines Icon gekennzeichnet.
Diese gesposorten Inhalte werden allerdings in der Client-Software von Drittherstellern komplett ausgeblendet. Selbstverständlich ist das für ein Unternehmen das damit Geld verdient ein massives Problem, das mit der Zeit dazu führte, dass die einst sehr fruchtbare Beziehung zu diesen Entwicklern sich deutlich verschlechterte. Das Wachstum für sokche Clients wird neuerdings mit einem maximalen Benutzerlimit eingegrenzt, was beim Entwickler Tapbot dazu führte, dass sie die kostenlose Testversion von Tweetbot for Mac wieder zurückziehen mussten, um ihre Kundschaft nicht bereits vor Verkaufsstart auszuschließen. Die Nachricht ist klar: Nutzer*innen sollen die Webseite benutzen. Es ist absehbar, dass Anbieter von Fremdclients in naher Zukunft gar keine Möglichkeit mehr haben werden, um auf Twitters Programmierschnittstelle zuzugreifen.
Die neue Version von Twitters offizieller iPad-App stieß auf negative Reaktionen. Die einst innovative Oberfläche wurde gegen ein im Nutzen stark eingeschränktes Timeline-Scrollen getauscht. Der Wert der neuerdings auf die Darstellung der Profile gelegt wird bestärkt die Wahrnehmung, dass populäre Profile gegenüber den “unbedeutenderen” Usern noch weiter in den Vordergrund geschoben werden sollen. Das Design aller offiziellen Clients rückt damit immer näher an das Design der Weboberfläche heran. Das Unternehmen rückt dem Ziel der Vereinheitlichung, der “streamlined user experinece”, immer näher. Selbst seinen eigenen Client für den Mac stellt Twitter ein, zugunsten der Weboberfläche.
Und nicht nur Clients sind betroffen, auch andere Dienste die Funktionen von Twitter nutzten bekommen zunehmend unter Druck. So darf die Foto-Community Instagram nicht mehr auf die Programmierschnittstellen zugreifen (was sicherlich auch mit dem Kauf des Unternehmens durch den Konkurrenten Facebook zu tun hat), der praktische Dienst IFTTT funktioniert im Zusammenspiel mit Twitter bald nur noch stark eingeschränkt und der Suchdeal zwischen Twitter und Google ist schon lange ausgelaufen.
Wer die Vergangenheit kontrolliert…
Inhalte zu senden ist erwünscht, Inhalte aus Twitter herauszuholen wird immer weiter erschwert. Hingegen sind Dienste die Nutzer auf Twitters Angebote lenken weiterhin erwünscht. Niemand sonst soll einen Mehrwert aus ihren Daten ziehen können. Und der Nachdruck mit der diese neue Entwicklung, die im totalen Gegensatz zum ursprünglichen, offenen Konzept steht, durchgesetzt wird nimmt weiter zu. Twitter wird zu einem “Datensilo”, der mehr und mehr Informationen kontrollieren will. So reicht etwa die Suchfunktion nur in die jüngste Vergangenheit zurück und Nutzer*innen können nicht auf mehr als ihrer letzten 3200 Tweets zurückgreifen.
Je stärker dieser Drang nach Inhaltskontrolle wird, desto drastischer werden die schlimmstmöglichen Folgen die eins sich ausmalen kann. Ein praktisches Problem sind die seit jeher kaputten Filteroptionen, die Twitter von sich aus ohnehin nur sehr begrenzt anbietet. Ungewollte User können zwar geblockt werden, tauchen aber immer noch manchmal als Retweets auf. Das neue Ausschalten der Retweets, die ein gefolgter User tätigt, funktioniert zwar, filtert jedoch im Zweifel wieder zu viele Inhalte. Warum Twitter keinen Wert auf Filteroptionen legt ist klar: warum sollte es den Usern Kontrolle über das angezeigte geben, wenn Werbung ihre Modell ist? Die kaputte Block-Option offenbart auch, wie wenig Interesse Twitter an den Bedürfnissen der “Poweruser*innen” hat. Diese können sich momentan zwar mit Drittanbieterclients sehr feinkörnig Wörter, User und sogar andere Clients ausblenden, aber das wird mit dem absehbaren Ende dieser Software auch bald vorbei sein.
Denkt eins diese Kontrolle, die Twitter über die Inhalte (explizit nicht “ihre” Inhalte) ausübt, könnte das Anzeigen von zu vielen Inhalten noch das kleinste Problem sein. Wenn ein arabischer Prinz 300 Millionen Dollar in ein Unternehmen investiert, könnte das hinsichtlich der Rolle die soziale Netzwerke beim arabischen Frühling gespielt haben mehr als nur einen merkwürdigen Beigeschmack bekommen. Nicht nur Twitter sondern alle großen sozialen Netzwerke sind zu den zentralen Anknüpfungspunkten unserer gesamten Kommunikation geworden. Nachrichten können hier schnell und, zumindest theoretisch, ungefiltert eine unfassbar schnelle Verbreitung finden, und das unabhängig von den etablierten Medien.

Alle großen Netzwerke, die wir als gegebene Infrastruktur nutzen, sind Privatunternehmen mit dem Sitz in den USA, also auch zum großen Teil an die dortigen Gesetze und ein gewisses politisches Klima gebunden. Unterstützer von Wikileaks oder Aktivisten der Occupy-Bewegung etwa nutzten Twitter intensiv, bis ihre Daten (wenn auch nach unterschiedlich starkem Protest) an amerikanischen Sicherheitsbehörden herausgegeben wurden. Doch es braucht nicht einmal politische Interessen, damit diese Kontrolle problematisch wird: zur Olympiade wurde der Account eines Journalisten gesperrt, der sich kritisch über einen Medienpartner von Twitter äußerte.
Twittercalypse now?
Twitters Entwicklung ist sowohl in technischer, wirtschaflicher wie auch politischer Hinsicht zunehmend problematisch. Dennoch ist es aus der Sicht eines early adopters sicher nicht so katastrophal wie das Gejammer vermuten lässt. Akut bestehen keine wirklichen Probleme. Twitter wird seinen Fokus auf die Verbreitung als Medienaggregator lenken, aber die “normalen” Nutzer*innen werden weiterhin Replien, Retweeten und Faven können. Die Nutzung wird zunehmend ungemütlicher und die Entwicklerkultur um Twitter herum wird sich verschlechtern, aber seinen Zweck wird es auch für die alteingesessenen Twitter*innen noch liefern. Soziale Netze sterben außerdem nicht plötzlich.
MySpace wird hier gerne als Beispiel angebracht, aber MySpace ist auch im Jahr 2012 noch online. MySpace starb nicht über Nacht, es erlebte nur eine Nutzerverschiebung zu Facebook, ähnlich wie das deutsche StudiVZ. Wenn Twitter also eines Tages das Ende seines Erfolgs erreicht, wird es nicht einfach verpuffen, sondern die Nutzer an ein anderes, neues und spannenderes Netzwerk verlieren. Aber auch in diesem Netzwerk werden wir uns dann nach ein paar Jahren wieder mit den gleichen Problemen und Fragestellungen wie jetzt bei Twitter konfrontiert sehen. Die Frage ist also, ob es eine langfristig bessere Lösung für unsere soziale Infrastruktur geben kann.
Linkliste / Quellen
- Zukunft ohne Twitter
- The Origin Of The Reply
- Twitter Cards
- Daring Fireball: New Twitter
- Daring Fireball: Dickbar
- Wired: Dickbar Is Toast
- Twitter Reveals Active User Number
- Twitter Blog: One Hundred Million Voices
- Twitter’s revenue may soar to $1B by 2014
- Tapbot: Where Did The Tweetbot Alpha Go?
- IFTTT: Changes To Twitter Triggers
- Twitter Blog: (old) Twitter For iPad
- Daring Fireball: (new) Twitter For iPad
- Thoughts On Twitter For iPad
- Twitters Tweet Display Requirements
- Twitter Revokes Instagrams API Access
- Twitter Rate Limiting
- Twitter / Google Search Deal (2009)
- Daring Fireball: Twitter Drop Dead
- Saudi Prince Invests 300 Million In Twitter
- Social Media and the Arab Spring: What Have We Learned?
- Twitter Ordered to Give Up WikiLeaks Data; Twitter Hands Over Occupy Wall Street Protesters Tweets
- Twitter suspends British journalist critical of NBC’s Olympics coverage
- Why Did Everyone Leave MySpace For Facebook?
Bildquelle: Chinen Keiya, Gigi Ibrahim (Creative Commons)
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