Gendern ist ein Thema, mit dem Menschen, die sich nicht regelmäßig in feministischen Textpublikationen herumtreiben, schnell anfangen grundsätzliche Kritik zu üben. Die deutsche Sprache würde “verunstaltet” und überhaupt ginge das alles ja zu weit, wenn Wörter nicht per Normalform männlich seien.
Schnell wird sich dann über die sowohl männlich- als auch weiblichen Versionen von allem lustig gemacht und des vermeintlichen Spiegel vorhaltenden Witzes halber auch mal Gegenstände, Adjektive und Verben gegendert. Ein interessantes Phänomen, wenn bedacht wird, dass ja gerade eine falsche Verwendung der Sprache kritisiert wird.
Der Sinn hinter dem Gendern ist ein Sichtbarmachen der sonst nicht sichtbaren Geschlechter, in erster Linie des weiblichen. Es gibt diverse Formen des Genderns, die auch Menschen die sich außerhalb des binären Geschlechtsfeldes weiblich/männlich verorten miteinbezieht. Da gibt es Sterne und Unterstriche, die auf Unterschiede und diverse andere geschlechtliche Identifikationsformen hinweisen.
Go, Go, Gendern
Mit steigender Beschäftigung mit den Themen des Feminismus gibt es jedoch schon bald die Einsicht und Erkenntnis, welchen Sinn und welches Ziel das Gendern verfolgt und dass dies durchaus ein sinnvolles und unterstützendwertes ist. Das ist der Punkt, an dem die Probleme beginnen: Gendern ist alles andere als einheitlich und es gibt diverse Varianten:
Bäcker
Die männliche Form, die in der Regel benutzt wird, wird gerne als “generisches Masksulinum” bezeichnet, um zu rechtfertigen, dass die neutrale Form eines Wortes nunmal männlich ist. Dass genau dieses Argument keinen Wert hat, da ja eben diese Norm des Männlichen kritisiert wird, bemerken die wenigsten, die so argumentieren. Die, die es bemerken, sind dann wohl Maskulinisten.
Bäckerin
Schlicht grundsätzlich die weibliche Form zu nehmen ist eine einfache Variante, allerdings keine gute, da auch sie natürlich wieder ausgrenzend ist. Weniger gegen Männer, als mehr gegenüber anderen Menschen, die sich nicht weiblich identifizieren. Allerdings erzeugt diese Form sicher interessante Reaktionen bei denjenigen, die meinen, die strikt männliche Form würde ja niemanden ausschließen. Gerade die fühlen sich dann nämlich oft ausgeschlossen und demonstrieren dabei ihre eigene unüberlegte Bigotterie. Ein Vorteil ist, dass das Argument der “unleserlichkeit” hier kaum jemand sinnvoll verargumentieren können wird.
BäckerIn
Das Binnen-I ist, zumindest in Printpublikationen, die (gefühlt) verbreitetste Form des Genderns. Vom Grundsatz her ist es die weibliche Form des Wortes, jedoch wird durch das große “I” mitten im Wort verdeutlicht, dass hier beide Formen (männlich und weiblich) einbezogen sind. Die Lesbarkeit ist hier definitiv auch ohne Gewöhnung völlig normal.
Bäcker_In
Der Gender Gap hebt die Betonung mehrer Geschlechter in der Sprache noch einmal deutlich hervor, vermutlich von allen Arten des Genderns am deutlichsten.
Bäcker*in
Das Gendersternchen lässt zwischen männlich und weiblich einen Platzhalter für alle. Vom Lesen wie Schreiben finde ich diese Lösung persönlich am schönsten.
Wo das Gendern von personenbezogenen Bezeichnungen schon viel Streit mit Gegnern des Genderns herrscht, so wird die Diskussion meistens spätestens dann wirklich unsachlich, wenn es um das Gendern eines weiteren Wörtchens geht: “man”.
Das macht man aber nicht!
Das Wort “man” scheint auf den ersten Blick nur auf den ersten Blick (sic) durch seine maskulinität problematisch. “Man” sieht doch nur so aus wie “Mann”, das ist doch jetzt aber mal nun so wirklich richtig albern! Nun bin ich kein Sprachwissenschaftler und sehe dennoch eine Problematik mit diesem Wort, und das nicht nur im Kontext des Genderns. Schauen wie uns an was “man” ist und wie es benutzt wird. Sätze mit diesem Wort sehen oft so aus:
Das macht man nicht.
Ein Satz, den wir vermutlich alle in unserer Kindheit gehört haben, wenn unsere Eltern uns auf ein vermeintlich schlechtes oder ungehöriges Verhalten hinweisen wollten. Weil “man” das nicht macht, sollten wir das auch nicht machen. Denkt “man” nur einen Moment darüber nach (und das hat mich schon als Kind gewurmt) fällt auf, wie schlecht hier argumentiert wird. Dass “man” das nicht so macht, welchen Einfluss hat das schließlich auf mich?
“Man” ist im praktischen Sprachgebrauch häufig eine nicht weiter genannte Metaentität, eine Autorität, eine gesellschaftliche Norm, die irgendwie definiert was “gut” und was “nicht gut” ist. Was in Ordnung ist und was nicht. Was “man” machen darf, sollte, kann, und was nicht. Woher “man” diese Autorität hat, dass er der Vergleichsmaßstab für unser eigenes Verhalten ist wird gar nicht hinterfragt.
Und da kommt wieder der Gedanke auf, warum dieses Wort, das an sich schon inhaltlich kein besonders sinnvolles oder gutes ist, auch noch so verdammt nah am unsere Gesellschaft dominierenden Geschlecht ist. Weil es natürlich doch vom “Mann” kommt und in der Regel auch so eingesetzt wird. Die ungenannte Autorität ist natürlich die Gesellschaft, und die Gesellschaft ist männlich und definiert was gemacht werden darf und was nicht. Es gibt natürlich auch andere Formulierungen mit “man”, die andere Bedeutungen haben, aber die Häufigkeit und der Stellenwert dieser Formulierungen kann der Reihenfolge in der Bedeutung im Duden entnommen werden,
Da so gern mit sprachlicher Ästhetik gegen das Gendern argumentiert wird, hier noch ein Gedanke: “man” ist ein hässliches Wort und es macht die Sätze hässlich. Es ist eine faule Formulierung, die sich öfters wiederholt als Queen-Songs auf NDR2. Sätze mit “man” sind das literarische Ed Hardy-Shirt, um es in der Sprache des durchschnittlichen Twitterers auszudrücken.
Was kann man anders machen?
Jetzt ist das achtundfünfzigsthäufigste Wort der deutschen Sprache ein durchaus häufiges, wie soll das so ohne weiteres Ersetzt werden? Ab und zu ist die Variante zu lesen, jedes “man” durch ein klein geschriebens “frau” zu ersetzen. Das hat aber sicherlich eher einen Awareness-schaffenden Charakter, als eine wirkliche gendernde Lösung zu schaffen. Eine sehr häufige Variante, die ich selbst auch mittelerweile benutze, ist der Ersatz “eins”.
Das kann eins doch nicht machen!
Ich finde das sprachlich eine sehr schöne Lösung. Kennt allerdings jemand das Konzept dahinter nicht, ist er im ersten Moment verwirrt von der ungewohnten Formulierung. Das legt sich schnell, sobald der Gedanke erläutert wird und ist dann auch kein großes Problem mehr, aber die uneindeutigkeit hält möglicherweise viele davon ab, diese Variante zu übernehmen. Eine andere Variante ist daher das völlig neutrale “mensch”:
Wenn mensch allerdings darüber nachdenkt…
Das klingt auf den ersten Blick etwas pathetisch oder melodramatisch, wird hier doch in fast jedem Satz direkt auf die ganze Menschheit Bezug genommen. Diese Variante funktioniert auch für die diversen Derivate von “man”, wie “jemand”. Nicht selten las ich im Internet schon Sätze mit dem Wort “jemensch”.
Auch diese Lösung ist deutlich schöner als das klassische “man” und ebenfalls viel inkludierender, was wohl das relevantere Merkmal sein dürfte. Neben diesen beiden Varianten gibt es aber noch eine dritte, und das ist eine, die nur schwer von irgendjemandem zu kritisieren sein wird.
…dann ist das so durchaus machbar.
Wir ersetzen das hässliche, männliche Wort nicht, wir streichen es einfach. Es ist sprachlich hässlich, es ist von einem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung her problematisch und inhaltlich wie sprachlich eine fürchterliche Formulierung. Das Deutsche ist eine komplexe und schöne Sprache, warum also zurücklehnen und eine faule Formulierung wählen, wenn wir die Mittel haben sämtliche Sätze ganz ohne Not besser zu machen, und das in jeder Hinsicht?
Disclaimer: Ich habe nicht viel Ahnung von Sprache oder fachliches Hintergrundwissen zum Gendern. Das sind persönliche Feststellungen, Erkenntnisse und Gedanken, die ich in den letzten Monaten im Netz gemacht habe.
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