Alles gute zum #DIDay
Kaffee, Laptop, Rebellion.
Wir haben 13.000 Menschen gefragt: Wo liegen eure E-Mails? Was klingt wie eine Anmoderation von Werner Schulze-Erdel im Familienduell, war tatsächlich eine Umfrage unter den Leser*innen von heise online in einem meiner Artikel dort. (Hallo, mein Name ist übrigens Daniel und ich arbeite bei heise online.) In dem ging es um europäische E-Mail-Anbieter – und die Resonanz war groß.
Die Frage nach den E-Mails hat einen aktuellem Anlass. Angesichts von angedrohten Strafzöllen, Angriffen auf EU-Digitalgesetze und sogar der Debatte über eine mögliche Annexion Grönlands durch die USA sind die transatlantischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt. Immer mehr Behörden verabschieden sich aus der Abhängigkeit amerikanischer Tech-Konzerne. So arbeitet etwa die französische Regierung daran, sich von Microsoft-Plattformen zu trennen.
Aber was ist mit den Endanwendern? Die sind in weiten Teilen weiterhin abhängig von Konzernen in einem Land, das mehr und mehr auf dem Kriegsfuß mit Europa steht. Einer Auswertung von 40 Millionen sicherlich vollkommen seriös zur Verfügung gestellter Adressen hat mehr Google mit mehr als einem Drittel Marktanteil auch in Deutschland alteingesessene E-Mail-Dienste wie GMX und Web.de überholt. (Wobei eine Umfrage von GMX und Web.de was anderes sagt, aber das sind halt die Zahlen, mit denen wir jetzt erstmal arbeiten.)
Dabei muss man gar nicht zum technikaffinen Selbstversorger mit eigenem Mailserver werden, um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Für mehr Vielfalt und weniger monopolartige Bündelung setzt sich die Initiative „Digital Independence Day“ (DI.Day) ein. Dahinter stehen ein breites Bündnis aus Chaos Computer Club, Wikimedia Deutschland, Digitalverbänden und (nicht ganz uneigennützig, selbstverständlich) Firmen, die eigene Cloud-Produkte anbieten.
Davor stehen vor allem Einzelpersonen wie „Känguru“-Autor Marc-Uwe Kling, der auf dem 39C3 in Hamburg sowas wie das bühnentaugliche Gesicht des DI.Day war. Er beschreibt den digitalen Unabhängigkeitstag im Interview (Eigenwerbung: das ich mit ihm für t3n geführt habe) als „entspannte Rebellion“. Es gehe nicht darum, „von heute auf morgen dein ganzes Leben“ umzustellen oder ein „digitales Reinheitsgebot“ einzuhalten.
Stattdessen ist die Idee, sich jeden ersten Sonntag im Monat endlich mal die Zeit zu nehmen, irgendeinen Lock-in-Großkonzern-Überwachungskapitalismus-Dienst zu canceln, bzw. zu einer besseren Alternative zu entfliehen. Etwa von WhatsApp (das Nutzern ungefragt seinen Meta-Chatbot aufdrängt) zu Signal. Oder endlich mal Linux auf dem Laptop zu installieren. Und wer jetzt noch auf dem Höllenloch X unterwegs war, dem ist eh nicht mehr zu helfen, nichtmal mit Mastodon.
Das Heise-Publikum ist diesem Ziel übrigens schon ein Stück weit voraus: In der eingangs erwähnten Umfrage landete nämlich nicht Gmail auf Platz eins, sondern weiterhin die Angebote von GMX und Web.de. Beide gehören (ebenso wie 1&1 Mail) zu United Internet, einem Konzern mit Sitz in Deutschland. Auch die ebenfalls zu United Internet gehörenden Webhosting-Anbieter Ionos und Strato waren in der Umfrage stark vertreten. Ein guter Anfang, wenn man nicht in der US-Cloud stecken will – aber immer noch ein großer Anbieter mit viel Marktmacht, wenn auch keiner monopolistischen.
Das löst das Problem nicht. Noch konzentriert sich der Großteil der Postfächer bei großen Anbietern, egal ob aus den USA oder der EU. (Immerhin gibt's auch mehr als genug Gründe, Spotify den Rücken zu kehren, und die kommen aus Schweden, das, zumindest als ich zuletzt nachgeschaut habe, noch nicht zu den USA gehörte.)
Zum Glück ist man bei seinem E-Mail-Anbieter nicht so gefangen wie im sozialen Netzwerk, bei dem man gleich alle seine Freunde und Kontakte zurücklassen muss. „Egal bei welchem Anbieter man seine E-Mail-Adresse hat, man kann immer miteinander kommunizieren“, sagt sogar 1&1/Web.de/GMX-Mail-Chef Michael Hagenau selbst.
Wirklich unabhängig macht man seinen Posteingang nicht mit 'nem deutschen Konzern, sondern einem Anbieter, der tatsächlich mit einem guten E-Mail-Produkt sein Geld verdient – und nicht mit Shitloads of Werbung oder Nutzerdatenauswertung. Sonst läuft man Gefahr, doch wieder nur ein Opfer dessen zu werden, was Cory Doctorow „Enshittification“ labelte: Erst lockt uns ein gutes Gratisprodukt an, und sobald wir uns daran gewöhnt haben, wird es immer schlechter.
Beispiel: Früher warb Gmail damit, dass man niemals mehr E-Mails löschen müsse – heute pushen sie Nutzer mit vollem Postfach zu einem kostenpflichtigen Update. (ngl: mein Hauptgrund, den Wechsel endlich zu vollziehen.) Dazu drängelt sich auch auch die KI-Blase immer weiter in unsere Postfächer. Am liebsten würde Google seinen Bot Gemini wohl direkt mit unseren Daten füttern – noch bedarf es dafür aber einen Opt-in. Noch.
Ein Blick in Ergebnisse der Heise-Umfrage zeigt aber auch, dass Alternativen zumindest in dieser Bubble immer größer werden. Ob Proton oder Posteo, die Alternativen, die auf Verschlüsselung, starken Wert auf die Privatsphäre ihrer Nutzerdaten oder Nachhaltigkeit in jedweder Form (bei Posteo ist die Kantine bio und vegetarisch) achten. Nochmal Eigenwerbung: Etwas mehr über solche Alternativen lest ihr in meinem Artikel dazu. Und ich such mir jetzt auch mal eine davon aus, zu der ich diesen Sonntag wechsle.
Ich spüre es in meinem Umfeld: Gerade gerät etwas in Bewegung, und das nicht erst wegen prominenter Initiativen wie dem DI.Day. So haben die politisch unruhigen Zeiten doch auch was Gutes: Wir, mich eingeschlossen, machen uns endlich Gedanken darüber, wo sie ihr digitales Zuhause einrichten. Nur so trifft man bewusstere Entscheidungen, statt sich einfach ein Konto beim erstbesten Gratis-Anbieter zu klicken – und das macht digitale Souveränität aus.