4 min read

Wie der NFT-Hype in der Gamesbranche ankam (und ziemlich schnell wieder verschwand)

Fast so gut wie live auf der re:publica
Wie der NFT-Hype in der Gamesbranche ankam (und ziemlich schnell wieder verschwand)
Da war ich. (Quelle: republica GmbH, CC BY-SA 2.0)

Auf der diesjährigen republica habe ich zusammen mit Laura Helena Wurth in einem Lightning Talk über den Verbleib der einst so gehypten NFTs gesprochen. Warum? Weil Laura und ich an einem Podcast über den Bored Ape Yacht Club mitgearbeitet haben.

"Billion Dollar Apes – Kunst, Gier, NFTs" könnt ihr ab dem 15. Juni überall da hören, wo's auch sonst Podcast gibt (Apple, Spotify, irgend 'ne andere App). Oder, wenn ihr gute Kopfhörer habt, in der DLF-Audiothek, wo's unsere Recherche-Ergebnisse in Dolby Atmos gibt. Ich schwör, ist's wert.

Weil ihr da so ziemlich alles über die Bored Apes erfahrt, was ihr jemals über die Bored Apes wissen müsst, schreibe ich jetzt noch einmal über eine Branche, die vom NFT-Hype erfasst und dann doch ziemlich kalt gelassen wurde: Die Gamesbranche.

...oder wenn ihr keinen Bock auf Lesen habt schaut ihr euch den Talk halt an.

Die Zukunft von NFTs ist schon unklar, noch bevor ein Großteil der Menschheit fehlerfrei erklären kann, was ein NFT überhaupt ist. Non-Fungible-Token, das sind auf der Blockchain gespeicherte Echtheitszertifikate. Die Idee ist, dass jedes NFT nur einmal existiert und damit die Möglichkeit einer echten digitalen Besitzverwaltung schafft.

Games waren schon früh ein Vorzeigebeispiel für den Nutzwert von NFTs. NFTs und Spiele, das ergibt intuitiv Sinn. NFTs sind ja praktisch sowas wie digitale Sammelkarten und digitale Items kaufen Gamer*innen dauernd. Die ersten bekannteren NFT-Games waren dann entsprechend auch Sammelkartenspiele wie Cryptokitties.

Richtig groß wurden NFT-Games mit Axie Infinity. Wahrscheinlich habt ihr während der Pandemie mal eine Schlagzeile gelesen, dass Menschen mit dem Spiel ihren Lebensunterhalt verdienen.

Das Browserspiel ist nämlich nicht nur ein Klon von Pokemon, in dem ihr niedliche Monster sammelt und züchtet und gegeneinander Kämpfen lässt. Es gibt auch einen Markt, auf dem man diese niedlichen gezüchteten Axies profitabel verkaufen kann. Das Konzept nennt sich dann Play to Earn.

Klingt doch geil, Geld verdienen mit Zocken. Dahinter steckt ein recht komplexes System auf NFTs und Kryptowährungen. 2021 hat die Kryptowährung von Axie Infinity eine Marktkapitalisierung von fast 10 Milliarden US-Dollar, die Spieler*innenzahlen peaken bei rund 2,8 Millionen.

Viele davon aus Ländern mit niedrigem Einkommen. 2022 kamen 40 Prozent der Spieler*innen von Axie Infinity aus den Philippinen. Es folgen Thailand, Venezuela, Brasilien – nicht die typischen großen Märkte der Spieleindustrie. Und inmitten der Pandemie verdienen dort manche Menschen auf einmal mehr als den Mindestlohn dank NFTs. Klingt utopisch!?

Und vor allem profitabel. Sky Mavis, die Entwickler von Axie Infinity, profitieren über eine Gebühr an jeder Transaktion mit. Wenig überraschend, dass es bald Versuche gab, NFTs auch in klassischen Videospielen unterzubringen. Denn die sind schon längst eine Hunderte-Milliarden-Industrie.

Aber das Konzept von NFTs – digitale Güter gegen echtes Geld kaufen – lässt bei Gamer*innen auf dem Höhepunkt des NFT-Hypes 2021 die Alarmglocken klingeln. Man fühlt sich an schlechte Erfahrungen erinnert: Sammelkarten in FIFA sind in mehreren Ländern als Glückspiel deklariert, kostenlose Mobilegames machen ohne teure In-App-Purchases keinen Spaß.

NFTs sehen viele als Fortsetzung gieriger, toxischer Monetarisierungs-Modelle und machen das auch deutlich. 2021 werden einige NFT-Projekte in klassischen Games angekündigt – und binnen weniger Tage wieder zurückgenommen. Denn die Fans treten schon bei der Ankündigung einen Social-Media-Shitstorm los.

Ubisoft, die Firma hinter Assassin's Creed, eröffnet Ende 2021 trotzdem einen virtuellen Item-Shop für Ghost Recon Wildlands. Da kann man einzigartige Maschinengewehre kaufen, was man halt so braucht in einem Videospiel über eine fiktionalisierte Version des Drogenkriegs der USA.

Nicht mal ein halbes Jahr später liegt der Quartz genannte Shop schon wieder auf Eis. Das letzte digitale Item wurde am 17. März 2022 veröffentlicht, das war's seit dem. Ubisoft verspricht, dass es nicht das letzte war, das man von NFTs in ihren Spielen gehört hat – aber Stand jetzt war es das halt doch.

Das liegt sicher auch daran, dass die Entwickler*innen der Spiele selbst gar keinen Bock auf NFTs haben. In der letzten State-of-the-Industry-Umfrage sagten 75 Prozent von ihnen, dass sie an NFTs nicht interessiert sind. Das war Anfang 2023. Das sind aktuelle Zahlen.

Warum reagieren Spieler*innen und Entwickler*innen so gereizt? Außer blumigen Versprechen von irgendwas mit Metaverse und einer Sprache des Profitmachens haben NFT-Unterstützer bislang keine überzeugenden Gründe geliefert, wie Spiele als Spiele vom Einbau von NFTs profitieren können. (Quelle, Quelle, etc.)

Man kann deshalb sagen: Die klassische Spielebranche hat sich sehr erfolgreich gegen den Trend NFT gewehrt. Binnen eines halben Jahres war das Thema heiß diskutiert und lauwarm abgefrühstückt. Heute gibt es praktisch keine großen Mainstream-Beispiele für NFTs in Games. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Und was ist mit dem NFT-Hype-Game, mit Axie Infinity, heute? Das gibt's immer noch, aber kleiner. Die Marktkapitalisierung liegt heute bei rund einer Milliarde Dollar, ein Zehntel des Höchststandes von vor zwei Jahren.

Jede Statistik zu Axie Infinity könnte im Wörterbuch als Symbolbild für "Hype" stehen. Aktive Spielerzahlen? Marktkapitalisierung? Transaktionen von Axies? Die Kurs geht steil hoch – und dann wieder steil runter. Aber: Es gibt Axie Infinity noch. Nur mit weniger Spielern, weniger Umsatz, weniger Profit – und weniger Utopie.

Zusammengefasst? Der NFT-Hype kam mit Wucht, prallte an der etablierten Gamesbranche ab, und verschwand wieder in seiner eigenen Nische. Der NFT-Hype war trotz der offensichtlichen Nähe zu Games kein Selbstläufer.

Das Spiel hat sich auch auf anderen etablierten Märkten wiederholt, die eigentlich eine erstmal logisch erscheinende Nähe zu digitalen Besitzstrukturen haben. Der Kunstmarkt etwa, dessen größten Auktionshäuser nur zu gern auf den Hype aufsprangen.

Aber trotz aller Diskussionen, ob NFTs Kunst sein können haben  Museen zumindest eine Entscheidung über ihre Relevanz getroffen – da spielen sie nämlich keine Rolle.

Geblieben sind die Hardcore-NFT-Fans, die Blockchain-Believer, die Bitcoin-Maxis. Die reichen noch aus, um da ein Ökosystem irgendwie am Laufen zu halten (und auch noch Interesse von der ein oder anderen Luxusmarke anzulocken).

Was man daraus lernen kann? Vieles, aber ganz kurz zusammengefasst sicher auch, dass ein Hype noch noch lange kein Selbstläufer ist, selbst wenn er selbstverständlich erscheint.

💡
...und einmal muss ich jetzt doch noch Werbung für "Billion Dollar Apes" machen. In dem Podcast steckt viel Recherche, viele Interviews, viel Arbeit – von mir und dem restlichen Team. Das Ergebnis ist eine ziemlich geil klingender Storytelling-Reportage über ein Unternehmen im Mittelpunkt des NFT-Hypes, ihre Kritiker*innen und größten Fans. Zu Hören ab dem 15. Juni 2023 bei Apple, Spotify oder der App deiner Wahl per RSS-Feed.